Wirtschaftliche Entwicklung
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Die Rückkehr der Tee-Industrie in Georgien?
Tee war einst eines der Hauptprodukte der georgischen Landwirtschaft. Schon Russlands Zaren tranken lieber georgischen als chinesischen Tee. Und auch während der Sowjetzeit gehörten die Teeplantagen in den Regionen entlang der georgischen Schwarzmeerküste zu den einträglichsten landwirtschaftlichen Betrieben. Nichts davon ist geblieben.

Verwaist und verwildert die Plantagen. Zusammengebrochen der Handel. Georgischer Tee spielt am Weltmarkt keine Rolle mehr seit der Unabhängigkeit von Georgien und dem Zusammenbruch des Sowjetregimes. Das soll nun wieder anders werden. Erste Investoren haben damit begonnen, die Renaissance des Teeanbaus in Georgien einzuläuten.

Von China nach Georgien.

Am Anfang war China: In Person von Liu Jun Zhou reiste Ende des 19. Jahrhunderts das chinesische Wissen um die erfolgreiche kommerzielle Nutzung von Tee von China nach Georgien. In den folgenden Jahrzehnten boomte die Teeindustrie in Georgien. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ausbruch des georgischen Bürgerkriegs kollabierte die Branche. Heute steht die georgische Teeindustrie vor dem mühsamen Wiederaufbau.


Teepflücker auf einer georgischen Plantage um 1900. (© Georgia Today / Sergeii Mikhailovich Prokudin-Gorskii)


Ideale Bedingungen für den Teeanbau

Die Teepflanze gedeiht auf den fruchtbaren Böden und im subtropischen Klima entlang der Schwarzmeerküste von Georgien so gut, wie fast nirgends sonst auf der Welt. Durch ihre nördliche Lage und die damit verbundenen kalten Nächte wird zudem praktisch kein Herbizid oder Pestizid benötigt, um die Pflanzen vor Krankheiten zu schützen. Abgesehen von der begrenzten Anbaufläche bietet Georgien also beste Voraussetzungen.

Unter der Herrschaft der Sowjets wurde die Produktion in den westlichen Regionen des Landes denn auch so weit ausgebaut und mechanisiert, dass ab den 1950er Jahren circa 95% des in der Sowjetunion konsumierten Tees aus Georgien stammten. 1985 wurden in den georgischen Regionen 152.000 Tonnen Tee produziert – noch heute würde diese Menge für einen siebten Platz in der Liste der wichtigsten Herkunftsländer für Tee reichen. Bis zu 180.000 Arbeitskräfte wurden für die verschiedenen Anbau- und Veredelungsschritte benötigt. 70.000 Hektar umfasste die Anbaufläche zu Spitzenzeiten. Stand 2015 waren es gerade noch 1.700 Hektar, die aktiv genutzt wurden (knapp 11.000 Hektar wären insgesamt nutzbar).

Der Zusammenbruch.

In Folge der politischen Instabilität in den Jahren der Unabhängigkeit, die von Bürgerkrieg, wechselnden Regierungen und einer ungewissen Zukunftsaussicht gekennzeichnet waren, brach die Teebranche zusammen. Mit der Region Abchasien fiel eines der wichtigsten Anbaugebiete weg. Der Übergang vom sozialistischen zum kapitalistischen Wirtschaftsmodell und der damit einhergehende Kontrollverlust des Staates über die Produktion, sowie mangelnde Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt führten zum weitgehenden Ende der georgischen Teeproduktion. Immer mehr Teeplantagen wurden nicht mehr bewirtschaftet und überwucherten. Der Trend hielt bis vor wenige Jahre an. 2014 pflückten die georgischen Landwirte lediglich 1.800 Tonnen Tee. Spätestens ab 2006 wandelte sich Georgien vom Tee-Exporteur zum Importeur, um die ungebremste Lust der Georgier auf Tee zu stillen und so hielten die auch in Deutschland bekannte Tee-Weltmarken wie Lipton Einzug in die Küchen und Wohnzimmer der Georgier.

Qualität statt Quantität.

Vergessen wurde die einst ruhmreiche georgische Teeproduktion jedoch nie. 2015 nahm sich die Regierung der Aufgabe an, der Branche neues Leben einzuhauchen. Gemeinsam mit dem EU-Programm ENPARD (European Neighborhood Programme for Agriculture and Rural Development) wurde begonnen, nach Möglichkeiten zu suchen, die Teeproduktion zu modernisieren und neu aufzustellen. Eine 2015 von ENPARD in Auftrag gegebene Studie über die Ursachen der stagnierenden Produktion kam zu dem Ergebnis, dass es an vielen Stellen in der Wertschöpfungskette Probleme gab. In der Verarbeitung fehlten beispielsweise Rohstoffe oder moderne Maschinen. Im Marketing fehlten den Bauern und den Vertrieben wichtige Kompetenzen. Die Autoren der Studie stellten aber auch fest, dass es in Georgien großes Potential für die Produktion von hochwertigem Tee gebe. Man solle auf Qualität statt Quantität setzen, also das Kontrastprogramm zur Teebranche während der Sowjetzeit, als die Qualität immer mehr unter der enormen Nachfrage und den aufgeblasenen Betriebsstrukturen litt.

Der Wiederaufbau.

Als Teil des Programms zur Modernisierung der Brache wurden seitdem beispielsweise Kooperativen gefördert. Der Fokus liegt auf kleinen Betrieben, denen Mittel zur Verfügung gestellt wurden, um die verwilderten Plantagen zu rekultivieren und die Lücken in der Wertschöpfungskette zu schließen. Zunächst sollte so die heimische Nachfrage gestärkt werden. Mit Erfolg: Mit Firmen wie Gurieli Tea entstanden sogar wieder international wettbewerbsfähige Unternehmen, die aber vor allem in Georgien selbst wieder weithin verfügbar sind. Auch der Geschmack der Gesellschaft wandelte sich langsam. Kein Tee aus der internationalen Massenproduktion kann es in Qualität mit echtem georgischem Tee aufnehmen – es bedurfte trotzdem zunächst einer gewissen Wiedergewöhnungsphase.

In Zahlen spiegeln sich die Bemühungen von EU und der georgischen Regierung langsam wider. 2016 konnte die Produktion auf 3000 Tonnen gesteigert werden. Damit einher ging die Erschließung neuer Absatzmärkte. Heute wird Tee aus Georgien vor allem in die Türkei, Deutschland oder die Mongolei exportiert. Und immer öfter auch nach China, dem Weltmarktführer in Sachen Tee.


Chinesische Geschäftsmänner auf einer georgischen Teeplantage. (© China Daily)

Von Georgien nach China.

Darüber hinaus haben chinesische Geschäftsleute begonnen, mit georgischen Landwirten zusammen exklusiven Tee zu produzieren und dann auf dem chinesischen Markt zu verkaufen. Wie auch der Wein aus Georgien, kommt der georgische Tee in China immer besser an und der neue Absatzmarkt im Osten mit seinen über einer Milliarden Konsumenten gilt in Georgien als Hoffnungsträger für die Stärkung der Teebranche. Zumal: Das Freihandelsabkommen zwischen beiden Staaten macht den Warenaustausch leicht und manch Geschäftsmann nennt die Kooperation in der Teebranche sogar einen Teil der neuen Seidenstraße, die Handelsroute und Wirtschaftskorridor zugleich sein soll und durch Georgien führt. Und manchmal wiederholt sich Geschichte. War es um 1900 herum Liu Jun Zhou, der der georgischen Teebranche half, könnten es im neuen Jahrtausend wieder Chinesen sein, die einen entscheiden Impuls geben. Bei der Begehung einer verwilderten Plantage fanden chinesische Experten auch die Sprösslinge einer Teepflanze, die eindeutig mit Liu Jin Zhou nach Georgien gelangt sein muss. In China selbst war diese Sorte mittlerweile nicht mehr verfügbar.

Die langsame Wiederauferstehung der georgischen Teeindustrie erzählt viel von der Geschichte Georgiens und den Entwicklungen, die Land und Region in den letzten Jahren veränderten. Sie zeigt, gegen wie viele Probleme die Länder der Region wirtschaftlich ankämpfen müssen, wie sehr sich Gesellschaft und Lebensweise wandelten. Sie zeugt aber auch davon, wie erfolgreich beispielsweise die Kooperation zwischen EU und Georgien ist und wie sehr die stabile politische Lage in Georgien die wirtschaftliche Entwicklung stützt und die Tür aufstößt in eine neue Ära, für die Experten der georgischen Teebranche, aber in erster Linie dem ganzen Land eine große Zukunft versprechen.

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