Wirtschaft
© Büro des Premierministers von Georgien
Ein Kommentar von Armin Huttenlocher
Neue Seidenstrasse: "Das wird die Welt verändern."
Wer diese Konferenz besucht hat, kann das Statement des stellvertretenden Direktors der World Trade Organization (WTO), Yi Xiaozhun, kaum mehr für eine Übertreibung halten: "Was hier entlang der alten Seidenstraße neu entsteht, wird die Welt verändern und scheinbar ewige Verhältnisse neu sortieren."

2000 Delegierte aus 60 Ländern...

Mehr als 2000 Delegierte aus mehr als sechzig Ländern - darunter bedauerlicherweise und bezeichnenderweise kein einziger deutscher Politiker und, vorsichtig gesagt, erstaunlich wenige hochrangige deutsche Wirtschaftsvertreter - haben in der georgischen Hauptstadt Tbilisi zwei Tage lang den Stand der Neu-Entwicklung der Seidenstraße analysiert, bestehende Herausforderungen erstaunlich offen angesprochen und die wirtschaftlichen Potenziale im euro-asiatischen Handelsverkehr neu vermessen.

Wo war Deutschland?

Man soll vorsichtig umgehen mit dem Wort "gigantisch". Würde man diese Potenziale indes "unermesslich" nennen, machte man sich mit jenen Vertretern des verschlafenen deutschen Michels gemein, die offenbar noch immer nicht begriffen haben, was hier als hochmoderne Transportroute, zwischen Peking, Tbilisi, Istanbul und Hamburg, südlich von, statt quer durch Russland oder per Schiff, rund um Asien, Afrika und die iberische Halbinsel nach Europa oder von Europa nach China entsteht.

Schneller, sicherer, billiger und ökologischer

Schneller, sicherer, flexibler, auch - was von niemand ausgesprochen, aber von allen mitgedacht wird - weniger abhängig von russischen Launen und russischer Korruption und, nicht zuletzt: erheblich ökologischer wird diese Transportroute sein. Mal großzügig beiseitelassend, welcher Eingriffe in die Natur es entlang der zigtausend Kilometer an Schienen, Straßen, Be-, Ent- und Umladestationen oder Häfen bedarf. Der Tiefseehafen von Anaklia, der an der georgischen Schwarzmeerküste völlig neu entstehen wird, ist nur ein Beispiel dafür - und bei weitem nicht das größte.
Quelle: Ministerium für Innere Angelegenheiten von Georgien / Twitter
Hochrangige Podiumsgäste und voll besetzte Stuhlreihen: Viele internationale Akteure haben das Potenzial des Vorhabens "Neue Seidenstraße" erkannt und sind aus aller Welt zum Tbilisi Belt & Road Forum 2017 gereist. (Quelle: Ministerium für Innere Angelegenheiten von Georgien / Twitter)

Neue wirtschaftspolitische Formationen

Doch das sind, wie gesagt, nur die wirtschaftlichen Aspekte. Dahinter verlaufen politische Entwicklungen, entstehen neue Formationen der Zusammenarbeit, tun sich neue Perspektiven für bislang eher weniger bedeutende Staaten auf. Und eben auch neue geopolitische Bedeutungen dieser Staaten, die man nicht übersehen oder geringschätzen sollte.

Genau dies trifft auch auf Georgien zu. Während die EU-Kommission die Zeichen erkannt hat und gleich drei ihrer Kommissare zur Konferenz nach Tbilisi schickte, scheinen Kernländer der EU, wie Deutschland und Frankreich, noch auf das Licht der Erkenntnis zu warten.

"Deutschland droht den Zug der Zeit zu verpassen."

"Ich habe keine Erklärung dafür", sagte ein hochrangiger Vertreter des europäischen Bankensektors. "Wir erzählen seit Jahren jedem zwischen Brüssel, Berlin und Paris welche Riesenchance für ein erhebliches Stück mehr Unabhängigkeit von Moskau und zur Stabilisierung der Länder an der südlichen und südöstlichen Flanke Europas in dem Projekt der neuen Seidenstraße liegt. Die einen glauben nicht daran. Die anderen wollen es nicht hören. Die dritten verzetteln sich in Spekulationen um die Ziele, die China verfolgen könnte dabei. Auch Deutschland muss aufpassen, dass es den Zug der Zeit nicht verpasst."

Diesem Fazit entspricht die Beobachtung, dass auch kaum Vertreter größerer deutscher Medien in Tbilisi vertreten waren, um von der Konferenz und ihren zahlreichen hochrangigen Gesprächen und weitreichenden Abschlüssen zu berichten.

Gipfelkonferenz der Entschlossenen

"Wer lange im Schatten gelebt hat, weiß, dass er selbst ins Licht treten muss", sagte denn auch der georgische Premierminister Giorgi Kvirikashvili und meinte damit, dass er von Vorwürfen wenig, von Vorangehen umso mehr hält. "Georgien ist stolz auf das, was von unserer Seite bislang zum Aufbau der neuen Seidenstraße beigetragen wurde. In zwei, drei Jahren werden auch Länder auf dieser Konferenz vertreten sein, die sich dieses Jahr noch von ihren Botschaftern berichten ließen."

Der georgische Premierminister ist bekannt für seinen ausgesucht diplomatischen Ton. Aber auch für seine äußerst nüchternen und realistischen Einschätzungen - wirtschaftlich ebenso wie politisch.

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