Wirtschaft
© David Borger
David Borger im Interview über Investitionspotenzial in Georgien:
"Komm nach Georgien, gründe ein Unternehmen"
Am Rande des vergangene Woche stattgefundenen Tbilisi Belt & Road Forums traf GEORGIEN Aktuell David Borger, Geschäftsführer der Silk Road Services GmbH und Vizepräsident der Silk Road Group. Im Interview erzählt er über seine Erfahrungen mit dem georgischen Wirtschaftssektor und über das Investitionspotenzial im Land.

GEORGIEN Aktuell: Herr Borger, Sie sind seit vielen Jahren in Georgien als Geschäftsmann aktiv und konnten den Wandel des Landes in dieser Zeit miterleben und begleiten. Wie sind Ihre Erfahrungen in Georgien?

David Borger: Ich bin persönlich seit 2004, im Anschluss an die Rosenrevolution (die zur Absetzung des Präsidenten Eduard Shevardnadze und einer friedlichen Übergabe der Regierungsgewalt an die Opposition unter Führung von Mikheil Saakashvili führte, Anm. d. Red.), geschäftlich in Georgien tätig. Die anschließende Zeit war sicherlich von vielen großen Umbrüchen gekennzeichnet – man könnte sagen, dass hier einem bis dato etwas chaotischen Land der Wandel hin zu einem moderneren, organisierten Staat gelungen ist. Dabei spielte das sehr ambitionierte Reformprogramm der damaligen Regierung und die Tatsache, dass Reformen eben zügig und effektiv umgesetzt wurden, eine wichtige Rolle. Die Versprechungen von einem vereinfachten Bürokratiesystem und von einem vereinfachten Steuersystem sind nicht nur Versprechungen geblieben, sondern realisiert worden. All das lässt sich sehr gut in den entsprechenden Statistiken aus dieser Zeit ablesen. Die Regierung hat sozusagen geliefert.

GEORGIEN Aktuell: Wie hat sich Ihr Unternehmen, die Silk Road Group, diesem Wandel angepasst?

Borger: Entstanden ist der Name „Silk Road Group“ in den späten 1990er Jahren. Meine Geschäftspartner haben sich damals auf den Transport von Erdöl und Erdölprodukten aus Zentralasien an das Schwarze Meer spezialisiert. Gestützt war der Transport auf ein multimodales System unter Benutzung der sowjetischen Infrastruktur. Mit meinem Einstieg wurde das Geschäft dann seinerzeit um eine Handelssparte erweitert. Über ein Unternehmen in der Schweiz begannen wir zusätzlich mit Erdölprodukten zu handeln. Parallel dazu fand die Liberalisierung des georgischen Marktes statt. Anschließend wurde uns bewusst, dass es hier in Georgien weitere interessante Geschäftsmöglichkeiten gibt und die Silk Road Group begann sich weiter zu diversifizieren – zunächst im Bereich Hotelwirtschaft und Immobilienentwicklung. Die Silk Road Group eröffnete als eines der ersten Unternehmen ein neues Hotel der Oberklasse in Tbilisi nach der Rosenrevolution. Dazu kam dann ein weiteres Hotel in Batumi. Gerade sind wir dabei, zwei weitere große Hotels, sowie einige kleinere Hotels im Zwei- und Drei-Sterne-Bereich zu errichten. Nachdem momentan der Oberklassenbereich der Hotelwirtschaft in Georgien wohl weitgehend bedient ist, wird sich in diesem Bereich der Fokus auf die Entwicklung von Zwei- und Drei-Sterne-Hotels und weg von den großen Städten hin zu den touristisch attraktiven Orten verlagern.

GEORGIEN Aktuell: Was muss passieren, damit noch mehr internationale Unternehmen anfangen, sich für Georgien zu interessieren?

Borger: Wir sehen schon seit vielen Jahren, dass sich das Interesse außerordentlich steigert. Ein wirklicher Durchbruch in dieser Hinsicht könnte der Moment sein, wenn Georgien von den internationalen Rating-Agenturen die Bewertung „Investment Grade“ verliehen wird. Das wird in Zukunft eine der entscheidenden Weichenstellungen sein. Ich denke gegenüber den anderen Ländern in der Region, besitzt Georgien eine Reihe entscheidender Vorteile. Es ist das einzige Land, das mehr oder minder ein funktionierendes, korruptionsfreies Staatswesen hat. Georgien ist auch das einzige Land, in dem ich einem Außenstehenden mit gutem Gewissen raten kann: Komm nach Georgien, gründe ein Unternehmen. Denn das funktioniert hier. Unterschätzen sollte man dabei aber nicht die Bedeutung von lokalen Partnern. Wie in jedem anderen Land ist in Georgien, trotz der Leichtigkeit, mit der man ein Unternehmen gründen kann, mit der man investieren kann, oder Geld wieder rausnehmen kann, das lokale Know-How sehr wichtig. Ich kann nur jedem empfehlen, mit einem starken lokalen Partner zusammenzuarbeiten.

GEORGIEN Aktuell: Warum zögern dann manche Unternehmen immer noch nach Georgien zu expandieren?

Borger: Insgesamt muss man natürlich sagen, dass Georgien als Land betrachtet sehr klein ist mit geringer Wirtschaftskraft. Es bietet bislang keine gute Basis für Unternehmen, die nach Märkten Ausschau halten. Das Land hat aber sehr wohl eine gute Basis für die Unternehmen, die ein strategisches Interesse in der Region als solche haben und die auch die Idee einer neuen Seidenstraße verstanden haben und in der Lage sind, deren Potential für ihr Geschäft zu nutzen. Also zum Beispiel Lohnveredler, Unternehmen, die Handel treiben und einen logistischen Standort in Zentralasien suchen, oder Dienstleistungsanbieter. Jeder der einmal hier war und verstanden hat, wie interessant die Rahmenbedingungen sind und wie interessant auch das neue Steuersystem sind, der wird wiederkommen und Geschäfte machen.

GEORGIEN Aktuell: Wie erklären Sie sich, dass in Deutschland das Interesse an Georgien noch nicht besonders groß ist?

Borger: Ich vermute das liegt daran, dass Georgien mit einer Reihe an Vorurteilen zu kämpfen hat. Also ich glaube, jeder der den Namen hört, denkt zunächst an korrupte Staaten, verbindet es mit Nachrichten aus der Ukraine, oder mit dem Krieg zwischen Georgien und Russland. Das sind natürlich alles „red flags“. Es gibt einfach nicht genügend wirklich positive Berichterstattung aus Georgien. Einen Wendepunkt, ein „game changer“ stellte meiner Meinung nach aber das Assoziierungsabkommen mit der EU dar. Und das muss man den Leuten klarmachen: Es gibt hier ein Land, das in Sachen EU-Integration die Türkei links überholt und auch wesentlich weiter ist, als beispielsweise die Ukraine. Hilfreich finde ich daher stattdessen immer den Vergleich mit den baltischen Staaten. Das beflügelt die Fantasie der Leute und zeigt ihnen, welche Möglichkeiten es hier gibt.

GEORGIEN Aktuell: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Borger.



David Borger ist promovierter Betriebswirt, Geschäftsführer der Silk Road Services GmbH und Vizepräsident der Silk Road Group. Nach Tätigkeiten als akademische Lehrkraft und als Mitarbeiter einer führenden Managementberatung gründete er im Jahr 2005 die Firma Silk Road Services GmbH für Beratungs- und Beteiligungsaktivitäten in Deutschland, Europa und Zentralasien.
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