Gesellschaft / Geschichte
© GeorgianJournal
Tourismus-Boom in Georgien: Segen oder Gefahr?
Die Zahl der Einwohner von Georgien beträgt, laut offizieller Statistiken, 3.7 Millionen.

Zwischen Januar 2017 und September 2017 sind, laut offizieller Zählung, 860.000 ausländische Besucher in das Land gereist. Damit begrüßte, bewirtete und betreute das bekannt gastfreundliche Volk noch vor Beginn der Wintersaison, die bis vor Kurzem als touristische Hauptsaison galt, ein Viertel so viele Touristen wie das Land Bürgerinnen und Bürger hat.

Der "Geheimtip" wurde zum "Must see"

Rund um den Globus dürfte es derzeit kein Land, keine Nation geben, das innerhalb weniger Jahre einen vergleichbar großen Zuwachs an Touristen hatte und ein ähnliches, geradezu explosionsartig wachsendes Interesse verzeichnen könnte. In Georgien kommt jeder auf seine Kosten: Die Berg-, Natur- und Wildnisfreaks genauso wie die Sonnenanbeter, die den Liegestuhl und das Meer nicht weiter als 100m vom luxuriösen Hotel mit Nachtclub und Casino haben wollen. Die kulturell und kulinarisch interessierten Bildungsreisenden und abgeklärten Rotary-Clubs, die alle Museen und Konzertsäle Europas kennen, aber noch nicht die Kvevri-Keller von Kakhetien; aber auch die Familien auf der Suche nach Stille mit ausreichend Auslauf für die Kleinen.

Segen. Chance. Gefahr.

Aus dem "Geheimtipp Georgien" wurde ein "Must visit Georgia".

Was für ein Segen für ein Land, das außer seiner - allerdings überwältigenden - Schönheit und der - Jahr für Jahr überbordenden - Menge an Früchten seiner Fruchtbarkeit keine Schätze auf den globalen Markt zu bringen hat.

Was für eine Chance für die einzige aller unabhängig gewordenen, ehemaligen Sowjetrepubliken, die es geschafft hat, stabile demokratische Strukturen aufzubauen und den Menschen ihre Sehnsucht nach Freiheit zu erfüllen - groteskerweise ohne den meisten von ihnen auch wesentlich verbesserte wirtschaftliche Lebensbedingungen zu bringen.

Was für eine Gefahr, der Verlockung anheim zu fallen, Hotels überall dort zu errichten, wo die Aussicht am schönsten ist; Straßen zu bauen, wo die Anfahrt noch beschwerlich und die Natur noch unberührt ist; verträumte Altstadtgassen von Leuchtreklame und wummernden Lautsprechern totmachen zu lassen.

Tbilisi geht mit bedauernswert traurigem Beispiel voran und macht alle Fehler, die in Florenz und Barcelona, Dublin und Basel vor dreissig Jahren auch gemacht wurden - bevor man erkannte, was wirklich zählt und was wirklich 'nachhaltig' ist.

Kritiker: Wiederholung der Fehler anderer


Und nicht wenige Beobachter fürchten, dass auch die georgische Staatsregierung im Begriff ist, der Verlockung auf einen schnelleren Aufschwung Güter zu opfern, die unwiderbringlich verloren sind, wenn die Pläne verwirklicht werden, die man derzeit diskutiert: Hotelanlagen inmitten herrlichster Bergwelten. Riesige neue Skigebiete, wo die letzten Hochgebirgsweiden für Schafe in ganz Europa liegen. Straßennetze durch Höhenzüge des Kaukasus, wo bislang noch unberührte Naturräume besucht, erwandert und durchritten werden können.

Ein Land am Scheideweg


Zweifelsohne steht Georgien vor einem Scheideweg. Und vor einer der größten Herausforderungen seit Erringen seiner Unabhängigkeit. Wenn der Begriff "Nachhaltigkeit" nicht so abgedroschen, missbraucht und verbraucht wäre, dann müsste man jetzt in Georgien intensiv nachdenken darüber, was er bedeuten könnte, wenn man ihn ernst nehmen würde in diesem Land.

Zu befürchten ist, dass die Verlockung des schnellen Geldes auch in Georgien siegt. Wer heute an einem Sommerabend in Tbilisi den Fluss entlang fährt, hat Mühe sein Fahrzeug in der Spur zu halten - so stark ist die Irritation von grellen Lichtern, die Casinos, Nachtclubs, Bars und sonstige Etablissements bewerben. Auf den Parkplätzen davor zeugen Nummernschilder aus Aserbaidschan, Iran, Russland (sic!) und der Türkei an schwarzen, schweren Allradfahrzeugen davon, wer diese Tourismussparte vermutlich einträglicher als jede andere macht. An Natur, Kultur und der Geschichte des Kvevri sind die Fahrer dieser Fahrzeuge und die Besucher solcher Glitzerwelten nicht interessiert.

Georgien wird sich entscheiden müssen. Beides zusammen zu bringen mag ein Traum sein. Einer jedoch der weit entfernt ist von jedweder Realität.
Print E-mail
FaceBook Twitter Google
Ähnliche Nachrichten
In einer Botschaft an die Gemeinschaft der Gläubigen anlässlich des 100. Jahrestages der ersten Unabhängigkeit Georgiens hat das Oberhaupt der georgisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Ilia II, auch Grundlagen für ein starkes, souveränes Georgien beschrieben.
In Tbilisi hat das Gerichtsurteil im Verfahren um eine Auseinandersetzung zwischen Schülern, bei der zwei Minderjährige mit Messern erstochen worden waren, zu Demonstrationen geführt. Der Generalstaatsanwalt trat im Zuge der Proteste zurück.
Mit kleinen spontanen Protestaktionen vor verschiedenen Regierungsgebäuden haben Aktivisten für mehr Toleranz gegenüber der Gemeinschaft der LGBT (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender) in Georgien geworben. Parallel organisierte die georgisch-orthodoxe Kirche einen Umzug, in dessen Mittelpunkt der Wert der „traditionellen“ Familie stand.