Besetzte Gebiete
Russische Fake-Propaganda gibt „US-Labors in Georgien“ Schuld an Insektenplage
Die meisten russischen Nachrichtenagenturen sowie die Medien in Abchasien haben die Nachricht am 1. April verbreitet. Aber die russische Propagandamaschine wollte keinen Scherz machen; Sie meint es bitter ernst: Die verheerende Insektenplage, die in Abchasien seit Sommer 2015 und im Westen von Georgien seit Sommer 2016 zu immensen Ernteausfällen geführt hat, habe ihren Ursprung in Wahrheit in geheimen amerikanischen Labors, von denen es in Georgien einige gebe. In diesen Labors experimentiere man auch mit biologischen Waffen – wozu die „asiatische Stinkwanze“ gezählt werden müsse.

Ursprung unklar. Verbreitung unzweifelhaft. Bekämpfung schwierig.

Während sich Forscher bezüglich des Ursprungs der Stinkwanzen-Plage und der Frage, wie das Insekt so plötzlich in den Kaukasus gekommen ist, noch uneinig sind, besteht bezüglich ihres Verbreitungsweges kein Zweifel: Sie trat erstmals gehäuft im Frühsommer 2015 in den nördlichen Gebieten der von Russland besetzten, georgischen Region Abchasien auf und verbreitet sich seitdem gen Süden. Seit letztem Sommer hat sie den Westen von Georgien erreicht und dort die Haselnussernte nahezu vollständig vernichtet. Die Bekämpfung ist schwierig, nicht nur, weil es außer chemischen Mitteln, die ausnahmslos starke Nebenwirkungen haben, keine wirklich erprobten Mittel gibt. Sondern auch, weil die bewirtschafteten Parzellen vielfach noch sehr klein sind und deshalb eine konsequente und komplette Bekämpfung schwierig bis unmöglich ist.

Im Sportler-Gepäck nach Sotschi und von dort in den Kaukasus?


Die bislang logischste Erklärung ihres Ursprungs nimmt an, dass die ersten Tiere im Gepäck von asiatischen Sportlern nach Sotschi, zu den Olympischen Spielen, kamen und sich von dort aus gen Süden verbreitet hat. Dafür sprechen sowohl die Zeit, zu der die grausam gefräßigen Tiere erstmals auftraten, als auch ihre Art, bei der es sich eindeutig um die sogenannte „asiatische“ Variante handelt, im Gegensatz zu der ebenfalls bekannten und in den USA und Kanada verbreiteten „amerikanischen“ Variante. Fest steht, dass es das Insekt vor 2015 im Kaukasus nicht gegeben hat, es sich seitdem aber grassierend vermehrt – und zu entsprechender Nervosität, gar Panik unter verantwortlichen Fachleuten und Politikern führt.

Russland stoppt Einfuhr von Agrarprodukten aus Abchasien


So groß ist die Nervosität, dass der staatliche russische Tier- und Pflanzenschutzdienst Rosselkhoznadzor nun ein Verbot für die Einfuhr von verschiedenen landwirtschaftlichen Produkten aus Abchasien verhängt hat – auf unbestimmte Zeit. Da aber abchasische Produkte auf Grund der Nichtanerkennung Abchasiens als unabhängigem Staat, nirgendwo sonst hin exportiert werden können, bedeutet dieses Einfuhrverbot das Ende einer der elementarsten Einnahmequellen für die abchasische Wirtschaft. – Klar, dass es dann eine Erklärung braucht, die von Moskau ablenkt und die Schuld an dem Dilemma auf andere schiebt: So kommen die angeblichen US-Labors zur Erforschung von Biowaffen in Georgien ins Spiel.

Abchasien stoppt Einfuhr von Produkten aus Georgien


Und weil auch die abchasische De-Facto-Regierung unter Druck gegenüber der eigenen Bevölkerung steht, von denen immer mehr immer lauter fragen: „Warum helft Ihr uns nicht bei der Bekämpfung der Insektenplage?“, greift man auch dort zum naheliegendsten, wenn auch nicht unbedingt vernünftigsten Mittel – und sperrt seinerseits den Import von Agrarprodukten aus Georgien. Begründung: Die marmorierte Baum- oder Stinkwanze sei mehrmals in landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus Georgien gefunden worden, als diese über die Verwaltungslinie hinweg gehandelt wurden. Was zweifelsohne der Fall ist, aber eben nichts darüber aussagt, woher die Plage eigentlich kommt.

So müssen die Abchasier nun von dem Bisschen leben, das sie selbst produziert haben und ernten konnten. Im vergangenen Jahr war das nicht viel. Gut, dass der Winter vorüber ist, und es bis zur Ernte erster Früchte nur noch wenige Wochen sind.

Hilfe aus Georgien versickert


Mehrfach hat die Regierung in Tbilisi den De-Facto-Behörden in Abchasien bereits Hilfe bei der Bekämpfung der Insektenplage angeboten und sogar, über neutrale Organisationen, Insektizide in die Region bringen lassen. Aus ungeklärten Gründen scheinen diese jedoch nie bei den Landwirten in Abchasien angekommen zu sein. – Woraus die Frage resultiert: Wer verspricht sich etwas davon, die Bekämpfung der Plage zu verhindern?
Print E-mail
FaceBook Twitter Google
Ähnliche Nachrichten
Einhellig skeptisch fielen erwartungsgemäß die Reaktionen georgischer Politiker auf das angebliche "Gesprächsangebot" des langjährigen abchasischen De-facto-Außenministers (1997-2011) und kurzzeitigen abchasischen De-facto-Premierminister (2010-2011), Sergei Shamba, aus.
Der ehemalige De-facto-Premierminister von Abchasien, Sergei Shamba, sorgt für Schlagzeilen im politischen Sommerloch. In einem Interview mit "Echo Moskau" sagte er (wörtlich übersetzt):
Anwohner aus dem Ort Koda nahe der Verwaltungslinie zu Tskhinvali / Süd-Ossetien haben einen neu errichteten Beobachtungsposten der russischen Besatzer in Süd-Ossetien ausfindig gemacht. Nach ersten Eindrücken vermuten Experten, dass er der Wahrnehmung von Bewegungen auf der anderen Seite der Verwaltungslinie dienen soll.
Dass Russland seine militärische Präsenz in den besetzten georgischen Gebieten in Form von stationierten Truppen und militärischen Übungen konstant hochfährt, ist nicht neu. Das Ausmaß des gegenwärtigen Übungsmanövers ist jedoch einmal mehr ein Zeichen dafür, dass Russland Macht demonstrieren will.
Der Plan ist nicht neu: Die georgische Regierung will das Eigentum von Binnenflüchtlingen, die durch den Augustkrieg aus den nun von Russland besetzten Gebieten Süd-Ossetien / Tskhinvali und Abchasien vertrieben wurden, protokollieren. Mit Unterbrechungen hatte man bereits 2006, also noch vor dem Krieg, damit begonnen, Eigentumsrechte in verschiedenen Teilen von Georgien zu registrieren. Nun soll das zwischenzeitig unterbrochene Projekt wieder aufgenommen werden.