Besetzte Gebiete
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Fall Tatunashvili: Druck auf Süd-Ossetien wächst
Auch elf Tage nachdem die süd-ossetischen De-Facto-Behörden seinen Tod durch einen angeblichen Treppensturz im Polizeigewahrsam gemeldet haben, bleiben die Bemühungen der georgischen Regierung um eine Herausgabe und Überführung des Leichnams von Archil Tatunashvili in seine Heimat vergebens. Landesweit sorgt der Fall für politische Diskussionen.

Die Medien widmen der Angelegenheit viel Raum. Oppositionspolitiker werfen der Regierung ein Scheitern ihres Kurses einer Annäherung durch Dialog und kleine Schritte vor. Am Sonntag indes fanden sich, auf Initiative mehrerer zivilgesellschaftlicher Organisationen und unter dem Motto „Peace is more than War“ („Frieden ist mehr als Krieg“), auf dem zentralen Platz der Freiheit in der Hauptstadt Tbilisi sowie in mehreren Städten in ganz Georgien Tausende Menschen zusammen, um einerseits ihres mutmaßlich getöteten Mitbürgers zu gedenken und zugleich ihrer Unterstützung des Regierungskurses Ausdruck zu geben.

Wie hier auf dem Platz der Freiheit in Tbilisi kamen im ganzen Land Menschen auf die Straßen, gedachten dem verstorbenen Archil Tatunashvili und forderten die Freilassung zwei weiterer inhaftierter Georgier. (© JAM News)
Wie hier auf dem Platz der Freiheit in Tbilisi kamen im ganzen Land Menschen auf die Straßen, gedachten dem verstorbenen Archil Tatunashvili und forderten die Freilassung zwei weiterer inhaftierter Georgier. (© JAM News)

Der Druck auf die Regierung ist hoch. Denn außer dem Leichnam befinden sich nach wie vor auch zwei weitere georgische Staatsbürger in Süd-Ossetien, um deren Freilassung die georgische Regierung kämpft. Nachdem sich am Freitag auch das Oberhaupt der georgisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Ilia II persönlich in den Fall eingeschaltet und in einem Brief an seinen russischen Amtskollegen, Patriarch Kirill, um dessen Vermittlungshilfe gebeten hatte, wandte sich der Premierminister des Landes am Sonntagvormittag mit einer Botschaft an seine Landsleute, die beruhigend wirken und Hoffnung machen sollte.

Premierminister: "Wir werden ihn in der Erde seiner Heimat beerdigen."

Der Vorfall und die Tatsache, dass die Familie den Toten nicht gemäß der orthodoxen Tradition betrauern könne, sei eine „Tragödie, die Georgien als Nation gleichermaßen betreffe und betroffen“ mache. Gleichzeitig beteuerte der Premierminister, dass Tatunashvili „in der Erde seiner Heimat“ beerdigt werde und äußerte zudem seine Zuversicht, dass dies schon bald der Fall sein werde.

Sowohl die regierende Koalition „Georgischer Traum“ als auch die parlamentarische Opposition brachten derweil den Entwurf einer gemeinsamen Resolution ein, der nicht nur den Tod Tatunashvilis scharf verurteilt, sondern auch Russland als „ausübende Macht, die die Kontrolle im Gebiet hat“ zum Hauptverantwortlichen für den Vorfall macht. Die Resolution fordert Russland dazu auf, für die unverzügliche Rückführung des Leichnams zu sorgen und sich international konstruktiver in der Konfliktlösung um die besetzten Gebiete von Georgien einzubringen.

Die parlamentarische Opposition forderte außerdem die Anfertigung einer Namensliste derer, die in den besetzten Gebieten für die De-Facto-Behörden tätig sind und in dieser Funktion gegen Menschenrechte verstoßen haben sollen.

Die Verabschiedung beider Einbringungen steht derzeit noch aus.

Vereinte Nationen zeigen sich besorgt

Auch der internationale Druck auf die De-Facto-Behörden von Süd-Ossetien wächst. Nach zahlreichen Vertretern von Regierungen in Europa und den USA, forderte am Wochenende auch der Koordinator der Vereinten Nationen für Georgien, Neill Scott, eine unverzügliche Herausgabe des Leichnams.

„Die Vereinten Nationen sind sehr besorgt um den Fall Tatunashvili und wir fordern eine transparente Aufklärung“, so Scott. Natürlich sei es aber zunächst vorrangig, den Leichnam der Familie zu übergeben. Auch forderte Scott die Freilassung der beiden inhaftierten Georgier Levan Kutashvili and Ioseb Pavliashvili, die gleichzeitig mit Tatunashvili verschleppt worden waren.

Das Internationale Rote Kreuz hat sich derweil bereit erklärt, den Leichnam Tatunashvilis nach Georgien zurückzubringen, sobald es zu einer Einigung mit Süd-Ossetien / Tskhinvali kommt.

De-Facto-Behörden sehen kein Zeichen äußerer Verletzungen

Die De-Facto-Behörden in Tskhinvali / Süd-Ossetien ließen indes einen eigenen Forensiker den Leichnam untersuchen. Dieser kam zu dem Schluss, dass Tatunashvilis Körper keine Zeichen äußeren Einwirkens aufweise. Auch seine Organe und das Gehirn seien nicht beeinträchtigt oder verletzt gewesen. Stattdessen will er eine „akute vaskuläre Insuffizienz“ festgestellt haben.

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