Außenpolitik
Von: Armin Huttenlocher
Die Saakashvili-Inszenierung: Im Zug zurück, wie einstmals Lenin
Sein Hauptziel hat er zweifelsohne erreicht: Aufmerksamkeit. Wenn es etwas gibt, das Mikheil "Mischa" Saakashvili wie nur wenige sonst in der europäischen Politik beherrscht, dann ist es die Inszenierung medienwirksamer Aufritte.

Man darf sicher sein, dass nichts an diesem Sonntag im September 2017 dem Zufall überlassen war und „Mischas“ treue Berater für alle denkbaren Aktionen der ukrainischen Behörden auch eine Reaktion parat hatten.

Große Ziele brauchen große Bilder
Die Bilder von der Rückkehr des verstoßenen, staatenlosen, in Georgien per Haftbefehl gesuchten Ex-Präsidenten, in der Ukraine gefeierten Ex-Gouverneurs und geschassten Ex-Poroshenko-Freundes sollten an die Bilder anderer großer "Rückkehrer" erinnern: War nicht Lenin auch im Zug durch halb Europa nach Moskau zurückgekehrt? An den Bahnsteigen umjubelt von Tausenden?
Unterhalb solcher Vergleichbarkeiten tritt ein "Mischa" Saakashvili erst gar nicht mehr an. Seine Bühne ist die große Bühne. Und stets ist er dabei noch für eine Überraschung gut.

Die „Mischa-Julia-Mesalliance“
Dass an diesem Sonntagvormittag im Zug von Polen in die Ukraine ausgerechnet Julia Timoschenko neben ihm sitzt und in die Kameras strahlt, wird umso mehr für Aufsehen und Unruhe sorgen, als man eigentlich von einem unversöhnlichen Bruch auch zwischen diesen beiden ausgegangen war.
Nun spielen sie in perfekter Manier ein Stück, das ganz sicher nichts mit Liebe zu tun hat und wenig mit gemeinsamen politischen Zielen, aber viel mit hochprofessioneller Polit-PR. Die Welt schaut einer Art ukrainischem Shakespeare zu, der zwei abgehalfterte, aber womöglich zu früh abgeschriebene Helden des Volkes mal wieder auf alle Kanäle bringt.


Saakashvili überquert die Grenze © Radio Free Europe

Ein Stück wie von Shakespearenko
Die Gerüchteküche brodelt, die Spekulationen schießen ins Kraut. Und tatsächlich wird es spannend sein zu sehen, wer von den beiden, in welchem Akt dieses spektakulären Stücks und auf welche Weise, den anderen meucheln wird.
Aber noch sind wir im ersten Akt, und der sollen heißen: „Die Heldin holt den Helden heim.“

Im Zug vom polnischen Przemysl nach Kiew, hatten sich „Mischa“ Saakashvili und Julia Timoshenko am Sonntagvormittag des 10. September als die neue revolutionäre Mesalliance zur Rettung der Ukraine präsentiert und auf den Weg zu einer Reise gemacht, die, wenn es nach ihnen ging, nichts weniger als legendär werden sollte.

Wie zufällig stehen Busse bereit
Kurz vor der ukrainischen Grenze hielt der Zug und Saakashvili wurde zum Aussteigen aufgefordert. Die Dramaturgie verlangte, dass er der Aufforderung nicht sofort, dann aber doch nachkam – schließlich standen die Busse zur Weiterfahrt, wie zufällig, schon bereit. Am Grenzkontrollpunkt angekommen sieht sich der Pulk um den geschassten Helden einer überraschend kleinen Gruppe ukrainischer Grenzpolizisten gegenüber. „Ist das alles, was er aufzubieten hat“, fragt denn auch einer von „Mishas“ Beratern und meint mit „er“ ganz offenbar den vom Lebensfreund zum Erzfeind gewordenen, ukrainischen Präsidenten Poroshenko.

Immerhin – eine kleine Rauferei
Immerhin, der Pulk an Unterstützern schafft es, auch mit diesem kleinen Haufen Uniformierter eine Rangelei zustande zu bringen, die ungeachtet des wenig bemerkenswerten Widerstands der Grenzschützer brauchbare Bilder produziert. Bilder, denen man später Unterzeilen geben kann, wie: „Die Menge an Unterstützern durchbricht die Grenze und bringt ihren politischen Hoffnungsträger in die Ukraine zurück“.

„Ich kam nicht. Das Volk trug mich.“
Stolz wird „Misha“ später am Tag sagen, er sei gar nicht selbst gekommen, vielmehr habe „die Menge, das Volk“ ihn regelrecht „zurückgetragen“. Außerdem habe niemand nach seinen Papieren gefragt. Was, wie die Filmaufnahmen vom Geschehen zeigen, die Wahrheit beschreibt: Die Grenzsoldaten rangeln zwar mit „Mishas“ Pulk, aber man hat nicht den Eindruck, dass ihnen viel daran gelegen ist, zu dem schwitzenden, lachenden Mann im Zentrum dieses Pulks wirklich vorzudringen. Im Gegenteil stehen unweit der Stelle, wo der pöbelnde Trupp die Grenze übertritt, ukrainische Soldaten und schauen ungerührt zu.

Ankündigung des nächsten Aktes. Doch die Regierung schweigt
Aber das stört momentan nur die paar wenigen Frager unter den vielen, sogenannten Vertretern der Medien. Ebenso wenig stört die Mehrzahl, dass „Mischa“, kaum, dass er „von der Menge“ über die polnisch-ukrainische Grenze „getragen“ wurde, wie vom Erdboden verschluckt und verschwunden war. Bis er am Abend im ukrainischen Lviv, sichtlich erfrischt und gestärkt, wieder auftaucht und in Interviews versichert, dass sich diejenigen unter den an der Grenze zurückgelassenen Rollkommandos, die mit Anklagen welcher Art auch immer rechnen müssten, seiner Unterstützung sicher sein dürften.

Und auch den nächsten Akt in seinem hochgeputschten Drama kündigt er an: Nach Kiew werde er nun gehen. Man darf gespannt sein auf die Bilder von „Misha“ und Julia auf dem Maidan.

Nur ein Gefallen bleibt dem neuen ukrainischen Alptraumpaar, „Misha und Julia“, bislang verwehrt: Weder die ukrainische, noch die georgische Regierung hat den ersten Akt der Rückkehr-Inszenierung bislang kommentiert. Die Spannung bleibt.

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