Gesellschaft / Geschichte
© Maurice Wolf
“Georgien fasziniert, weil es noch nicht fertig ist.” - Der Fotograf Maurice Wolf
Maurice Wolf ist Fotograf. Einer, der dorthin geht, wo sonst keiner hingeht. Einer, der stehen bleibt an Orten und der Szenarien fotografiert, an denen andere wegschauen und rasch vorübergehen. Das glatte Schöne interessiert ihn nicht. Selten sieht man auf seinen Fotos Sonnenlicht. Gleichwohl hat jedes noch so beängstigend riesenhafte Gebäude auf seinen Fotos eine Ästhetik und Würde; wird noch der Ärmste unter den Armen zur Persönlichkeit. Nicht trotz aller Risse, Wunden und Narben, sondern mit ihnen und wegen ihnen.

Das Georgien von Maurice Wolf ist das Georgien, das niemals Eingang fände in die Hochglanzprospekte der Tourismusbranche. Ein Georgien indes, das den anderen Teil der Geschichte und Gegenwart dieses Landes, seinen Verletzungen, seiner Narben und seines Stolzes zeigt. Fotos die gleichsam Geschichten erzählen von der Schönheit einer stolzen und freien, aber eben auch tief verletzten Seele.

Geboren in Australien, aufgewachsen in den Niederlanden, lebt Maurice Wolf seit 2015 in Georgien. Seine zuletzt fertiggestellten Arbeiten widmen sich dem, was gemeinhin als “architektonische Sünden” der Sowjetzeit bezeichnet wird: Betonbauten als Wohnstädte, Verwaltungsgebäude, Industrieanlagen, Gedenkstätten. Machtdemonstrationen in Zement gegossen und nach dem Zusammenbruch des großen sowjetischen Reiches oftmals von einem Tag auf den anderen verlassen und zurückgelassen.

Seit diesem Sommer organisiert Maurice Wolf, zusammen mit seiner Kollegin und Freundin, der Fotografin Helene Veilleux, auch Touren zu diesen “brutalen Giganten der sowjetischen Ideologie”. Das Interesse daran hat selbst die Fotografin und den Fotografen überrascht.

Im Gespräch mit GEORGIEN Aktuell erläutert Maurice Wolf, was daran so faszinierend ist, nicht nur für ihn, sondern für viele andere auch. Denn die angebotenen Touren waren allesamt binnen Kurzem ausgebucht.

Maurice Wolf – Sie sind Fotograf - ein ziemlich Außergewöhnlicher. Zugleich sind Sie Reiseorganisator und Reiseführer - mit ebenfalls ziemlich ungewöhnlichen Zielen für Ihre Touren.
Wie kam es dazu und wieso gerade in Georgien?

Ich wohne seit zwei Jahren in Georgien und habe fast das ganze Land mit der Kamera bereist. Mein Schwerpunkt in der Fotografie ist mehr der soziale Bereich. Menschen, ihr Alltag, ihr Umfeld. Letztes Jahr bin ich Helene Veilleux begegnet. Sie ist auch Fotografin und hat die meisten ehemaligen Sowjetstaaten bereist. Sie hat meinen Blick für “Brutalism” geöffnet. Und als wir eine Tour an solche Orte machen wollten, haben wir festgestellt, dass keine Reiseorganisation in Georgien etwas in der Art anbietet. Also sind wir auf eigene Faust losgezogen, haben die Orte recherchiert und ausgekundschaftet. Ein Jahr später haben wir mit Brutal Tours angefangen. Ohne Helene Veilleux gäbe es weder meine Brutalism-Fotos noch die Brutal Tours.

“Brutalism”. “Brutal Tours”. – Das klingt nicht unbedingt nach idyllischen Zielen und romantischem Urlaub... Worum geht es dabei? Wohin fährt man? Was bekommt man zu sehen?

Kurz gesagt geht es meistens um eckige Betonkonstruktionen. Massenwohnblöcke, gebaut zwischen den fünfziger und achtziger Jahren, für die Arbeiterklasse. Oft werden sie mit der Sowjetunion in Verbindung gebracht. Tatsächlich gibt es sie überall. Denken Sie an bestimmte Stadtteile des ehemaligen West-Berlin, oder die ‘Banlieues', die Vorstädte von Paris.

Auch die künstlerische Beschäftigung, die diese Architektur als Motiv nimmt, ist nicht so neu. In Frankfurt am Main läuft gerade eine große Ausstellung über Brutalism.
© Maurice Wolf
© Maurice Wolf

Was ist das Faszinierende daran?

Persönlich fasziniert mich am Brutalism in Georgien, dass man das Gefühl hat, in eine Welt zu kommen, die vollkommen Vergangenheit ist und doch zugleich im Hier und Jetzt steht. Ein Stück Sowjetunion, mitten im freien, neuen Georgien.

Zum Beispiel Chiatura, eine Minenstadt in West-Georgien. Immer noch wird dort nach Mangan gesucht. Dort anzukommen, ist, als unternähme man eine Zeitreise.

Hinzu kommt der soziale Aspekt; man kann sehen wie die Leute in der Sowjetunion gewohnt haben. Fotografisch ist Brutalism sehr interessant, weil es sehr grafisch ist.

Brutale Betonarchitektur als Spiegel einer Gesellschaft?

Ja, aber es gab verschiedene Ansatzpunkte: der kommunistische hat mehr oder weniger angefangen mit Chrustschow und den sogenannten Churstschowkas. Gebaut in den 50gern und 60gern und meistens nicht höher als 5 Stockwerke. In der Breschnew-Aera sind die Häuser dann richtig in die Höhe geschossen. Eckiger, Kantiger und höher. In Tbilisi gibt es einige sehr gute Beispiele davon.

Wenn man von außen auf diese Klötze schaut, bedauert man die Menschen, die darin wohnen eher. Wie erleben Sie diese Menschen? Viele Ihrer Fotos zeigen ja nicht nur Architektur, sondern wirken wie Blicke in eine uns sehr fremde und bedrückende Welt.

Ja, es kann deprimierend wirken. Aber ich kann nicht verneinen, dass ich es faszinierend finde. Gerade für jemand der im Westen aufgewachsen ist. Man bekommt Einblicke in die Situation vor der Wende. Bedauerlich ist natürlich, dass die meisten Gebäude zerfallen, weil keiner sich dafür interessiert. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass wir die Brutal Tours machen: In ein paar Jahren wird von diesen Gebäuden nicht mehr viel übrig sein.
© Helene Veilleux
© Helene Veilleux

Wer sind die Teilnehmer auf diesen Brutal Tours, die ja wenig romantisch sind und auch dem Georgienbild, das sonst touristisch vermarktet wird, komplett widersprechen?

Wir haben dieses Jahr mit den Brutal Tours angefangen und sind positiv überrascht, wie es sich entwickelt hat. Die Leute, die mit uns mitkommen, wollen gerade das andere Georgien sehen und nicht die typischen Reiseführer-Attraktionen besuchen. Ich denke, dass durch das, was wir anbieten, die Leute dieses Land aus einer anderen Perspektive zu sehen bekommen. Sie sehen nicht nur das Schöne, die überwältigende Natur, sondern auch etwas, das ich “die schöne Hässlichkeit” nenne. Das morbide. Den Teil, der aus der Vergangenheit noch weit und massiv in die Gegenwart hereinragt. Wir bieten etwas an, was nicht in den üblichen Touristenbroschüren steht

Wie erleben Sie selbst Georgien? Wie kamen Sie in dieses Land? Was hat Sie veranlasst dort zu leben?

Ich bin nach Georgien gekommen, um einen deutschen Freund zu besuchen. Als ich hier war, bin ich von einer Geschichte zur anderen gekommen. Und bevor ich es bemerkt hatte, waren schon zwei Jahren vorbei. Es wird noch ein bisschen länger werden, weil ich gerade anfange an einem längerfristigen Projekt zu arbeiten, einer fotografischen Dokumentation einer schwierigen sozialen Situation hier.

Außerdem finde ich Georgien gerade jetzt interessant, weil sich viel bewegt und verändert – im positiven Sinn. Etwas Neues entsteht. Georgien ist noch nicht so fertig wie die Länder "bei uns" im Westen.
© Maurice Wolf
© Maurice Wolf

Binnen weniger Jahre wurde Georgien vom "Geheimtipp" zum "Hype". Viele Hotels werden gebaut, Straßen sind geplant. Die Gassen der Altstadt von Tbilisi waren im Sommer manchmal so voll wie in Siena oder Florenz. Segen und Fluch von Schönheit und Aufbruch?

Wie immer beides. Leider mangelt es sehr an Planung. Aber es noch nicht zu spät, um es in den Griff zu bekommen. Das Hauptproblem ist der Verkehr, der immer schlimmer wird. Gerade in der Altstadt, mit ihren schmalen Straßen, die alle wie um einen Knoten verlaufen und keine Möglichkeit zur Verbreiterung geben. Zur Zeit der Seidenstraße dachte man eben noch nicht an Autos... Und natürlich muss man auch aufpassen mit den vielen Hotels und Hostels, die gebaut werden. Das muss gut geplant und auch reguliert werden.

Andererseits kann ich es auch verstehen. Schließlich ist es nur ein paar Jahre her, dass Georgien in Krieg und Chaos versank. Jetzt, auch, weil es in Georgien so sicher geworden ist, kommen immer mehr Leute. Das bedeutet Einnahmen für ein Land, das sonst nicht viele Möglichkeiten zum Geldverdienen hat.

Letzte Fragen: Wo kann man Ihre Fotos sehen? Und wo kann man sich über Brutal Tours informieren und eine Tour mit Ihnen buchen?

Meine Fotografien finden sich auf meiner Website: www.mauricewolfphotography.com
Die Touren von Brutal Tours finden sich hier: www.brutaltours.com

Vielen Dank für das Gespräch, Maurice Wolf.

© Maurice Wolf
© Maurice Wolf

Zu Maurice Wolf

Maurice Wolf, in Australien geboren und in den Niederlanden aufgewachsen, ist ein selbst gelernter Fotograf, vertreten von der Agentur Hollandse Hoogte. Als Freelancer und Fine Arts Fotograf interessiert er sich für die Menschen, ihre Umgebung und wie sie diese verändern. Seine Werke wurden unter anderem in Einzelausstellungen in Berlin, Amsterdam, Sydney und Tbilisi ausgestellt, sowie in unzähligen Ausstellungen mit Werken anderer Künstler zusammen auf der ganzen Welt. Seine Reportagen gestaltet er für diverse europäische Zeitschriften und Institutionen wie die BBC. Momentan arbeitet Maurice Wolf mit einem Journalisten zusammen an einem Buch und einer Ausstellung über die Situation von Menschen mit geistiger Behinderung oder mentalen Problemen in Georgien. Geplante Veröffentlichung ist Herbst 2018.

*Titelbild (© Maurice Wolf)
Print E-mail
FaceBook Twitter Google
Ähnliche Nachrichten
Ein Jahr nach dem Ende des „Augustkrieges“ reiste Armin Huttenlocher, im Sommer 2009, in das Gebiet nahe der sogenannten Verwaltungslinie des von Russland besetzten Süd-Ossetien.

Direkt an der Hauptstraße stand früher das Haus von Giorgi M.:
Im ersten Quartal von 2018 sollen im georgischen Straßenverkehr laut dem georgischen Amt für Statistik, GeoStat, 107 Personen ums Leben gekommen sein. Diese Zahlen wirken zunächst unauffällig, waren es im gesamten vergangenen Jahr doch 517 Menschen, die im Verkehr ums Leben kamen. Auffällig ist aber, dass über die Jahre kein genauer Trend der Besserung ersichtlich ist.
In einer Botschaft an die Gemeinschaft der Gläubigen anlässlich des 100. Jahrestages der ersten Unabhängigkeit Georgiens hat das Oberhaupt der georgisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Ilia II, auch Grundlagen für ein starkes, souveränes Georgien beschrieben.
In Tbilisi hat das Gerichtsurteil im Verfahren um eine Auseinandersetzung zwischen Schülern, bei der zwei Minderjährige mit Messern erstochen worden waren, zu Demonstrationen geführt. Der Generalstaatsanwalt trat im Zuge der Proteste zurück.