Gesellschaft / Geschichte
© Gerald Hänel
Im Gespräch mit dem Fotografen Gerald Hänel
Georgien: „Kleines Land mit großem Potenzial“
Nach einigen Jahren und mehreren Reisen durch Georgien veröffentlichte der Fotograf Gerald Hänel den Bildband „Auf dem Balkon Europas“. Im Gespräch mit GEORGIEN Aktuell erzählte er von seinen Eindrücken, Erfahrungen und Beweggründen. Und davon, was Georgien für Ihn so sehenswert macht.

Tatsächlich handelt es sich bei dem veröffentlichten Bildband um ein eigenes Projekt Hänels. Dieses hatte sich durch eine Auftragsarbeit ergeben, die ihn vor einigen Jahren beruflich nach Georgien gebracht hatte. Er sollte ein Portrait über einen deutschen Winzer machen, den es nach Georgien gezogen hatte. Die Reise überzeugte ihn so sehr von Land und Leuten, dass er in eigener Sache zurück nach Georgien kommen müsse. „Selbst auf kleinstem Raum gibt es eine solche Vielfalt und so viel mehr als Weinhänge zu sehen“, sagt Hänel.

Dabei hatte er noch vor seiner ersten Reise Georgien ganz unbedarft auf sich zukommen lassen. „Ich hatte zunächst nur abstrakte Erwartungen oder Vorstellungen von Georgien – einfach, weil ich noch nicht dort gewesen war und die meisten Leute kaum etwas über das Land wissen. Was ich dann aber erleben und sehen durfte, übertraf alles, was ich mir ausgemalt hatte. Für mich stand fest, Georgien hat noch mehr zu bieten, was ich festhalten will“, so Gerald Hänel.


Georgien wartet darauf entdeckt zu werden

Dabei ging es Gerald Hänel nicht darum ein Sozialprojekt zu erstellen. Er wollte Georgien so aufnehmen, wie er es selber auch empfand. Fragt man nach diesen Empfindungen genauer nach, gerät Hänel ins Schwärmen: Warmherzige Gastfreundschaft, offene, lebensfrohe Menschen und beeindruckende Landschaften. Er habe nichts erlebt, was man als negativ oder bedenklich bezeichnen könne.

Ob es denn wirklich so einfach sein kann? Für Hänel ja: „Ich habe Reisefotografie in vielen Ländern und seit vielen Jahren betrieben. Aber sowas habe ich noch nicht erlebt. Ein verhältnismäßig kleines Land wartet mit so vielen Attraktionen nur darauf von einem entdeckt zu werden.“ Die Frage nach dem Highlight seiner Georgienreisen erübrigt sich: „Das kann man gar nicht sagen. Es gibt so viele Highlights. Georgien bietet eine unglaubliche Vielfalt und ebenso viel Potenzial.“


Die wilde Seite Georgiens: Hier hielt Hänel die mittelalterlichen Dörfer von Ushguli in Obersvanetien fest. Sie sind seit 1996 UNESCO Weltkulturerbe. (© Gerald Hänel)


Ein Land der Kontraste

Besonders fasziniert zeigte sich Hänel von den Kontrasten, die das Land ihm offenbarte: „Gleich beim ersten Besuch in Georgien habe ich gemerkt: Da steckt etwas ganz Vertrautes drin. Und gleichzeitig auch etwas Fremdartiges, etwas Aufregendes, das Abendteuer vermuten lässt.“

Ein weiterer Kontrast spiegelt sich für Hänel in der städtischen Entwicklung und insbesondere der Architektur wieder: „Wenn sie durch Tbilisi laufen, haben Sie an der einen Gebäudeecke die Ultramoderne und einen Straßenzug weiter die Baufälligkeit.“ Der entfesselte Wandel der Hauptstadt fesselt den Betrachter.

Und als solcher sieht sich auch Hänel – ein Beobachter der versucht festzuhalten. Oder wie Hänel sagt: „Die Situation auf den Punkt zu bringen.“ Es überrascht daher nicht, dass seine Fotografien größtenteils spontan entstehen. „So etwas kann man nicht inszenieren.“ Es sei für Ihne eine Kombination aus Recherche, Planung, und einer guten Portion Zufall, die es dann der beobachtenden Fotografie erlaubt, Bilder zu machen, die dann die „sinnlichen Eindrücke“ vermitteln können.


Im Hintergrund ein Werbebanner für Skiurlaub in den Gebirgen Georgiens. Im Vordergrund ein alter Mann, der bettelnd am Straßenrand in Tbilisi steht. Es sind auch diese Kontraste, die Gerald Hänel mit seinen Fotografien einfangen wollte. (© Gerald Hänel)

„Es ging mir nicht nur um die reine Idylle, sondern auch um das tägliche Leben“, sagt Hänel. Das erkennt man unschwer, wenn man auf die Aufnahmen blickt, die auch die Menschen zeigen, die er auf seinen Reisen traf.

Ob es Hänel nochmal nach Georgien treiben würde? „Auf jeden Fall. Mit Georgien bin ich noch nicht fertig.“ Tatsächlich plant Hänel bereits sein nächstes Projekt, will dann auch die weitere Region mit einbeziehen. Dabei sei Georgien natürlich nicht wegzudenken.



Gerald Hänel ist langjähriger Fotograf und Gründungsmitglied der Hamburger Multimedia- und Fotografieagentur GARP. Neben Reportage- und Portaitfotografie verfolgt Hänel vor allem auch Reisefotografie. Diese Branche brachte ihn zuvor unter anderem nach Island, Norwegen und Namibia. Mit "Auf dem Balkon Europas" setzte er seine Reisefotografie in Georgien fort. Seit 2012 ist Hänel auch in der Produktion von Multimediafilmen tätig.

Der Bildband ist im Handel erhältlich:
Auf dem Balkon Europas
Auf dem Balkon Europas - Fotografien aus Georgien
von Gerald Hänel
Bildband, dt./engl., ca. 160 Seiten, gebunden, 220x260mm, Farbabb.
978-3-95462-888-9, Mitteldeutscher Verlag, 24,95 Euro
Hier finden Sie den Band auf der Webseite des Verlags.


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