Kultur
Die Neue Georgische Welle: Dokumentarfilme über ein Land im Aufbruch und Umbruch
Das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, kurz DOK Leipzig, bietet Besuchern zwischen dem 30. Oktober und dem 5. November im Rahmen seines Sonderprogrammes Länderfokus „Import/Export – Georgischer Film im Grenzverkehr“ einen Einblick in die Mentalitäten der Georgier.

Eine Kunstszene im Umbruch

Georgien ist immer noch ein Land im Umbruch, die Unabhängigkeit von der Sowjetunion ist keine 30 Jahre her und Konflikte um Land, Kultur und politische Macht waren und sind teilweise immer noch prägend. Die Kirche übt großen konservativen Einfluss auf die Gesellschaft aus, die Sowjetunion wird von manchen immer noch romantisiert in ihrer Erinnerung bewahrt und eine neue Generation wächst heran, die vor allem in den großen Städten und ganz besonders in Tbilisi, der Hauptstadt, mit einer ganz neuen Kultur in Berührung kommt, oder sich selbst eigene kulturelle Identitäten erschafft. Generell erlebt die Kultur in Georgien zahlreiche Veränderungen.

Der wirtschaftliche Aufschwung, die politische Stabilität der letzten Jahre, die Georgien zu einem geschätzten Partnerland des Westens und zu einem immer beliebteren Ziel für ausländische Touristen machte, erlaubten einen enormen Aufschwung der Kunstszene. Musik, Film, Literatur und bildliche Kunst erfahren heute eine steigende Aufmerksamkeit aus dem Ausland. Zuhause jedoch sehen sich die Kunst und Künstler gefangen zwischen dem modernen Georgien und einem Georgien, das viele als veraltet ansehen, das aber für die Älteren im Lande das Georgien ist, mit dem sie aufwuchsen. Auf der Leipzig DOK wird diese gesellschaftliche Spannung zwischen Gegenwart und Vergangenheit in der georgischen Filmkunst kritisch in den Blick gefasst.

Preisgekrönte Filme

Der zwischen Berlin und Tbilisi lebende Georgier Zaza Rusadze zeichnet sich als Kurator für die Auswahl der Dokumentarfilme verantwortlich. Dreizehn Filme aus den Jahren von 2009, vor allem aus diesem und letztem Jahr werden in Leipzig gezeigt werden, City of the Sun von Rati Oneli ist einer davon. Sein Film beleuchtet das Leben in der heute größtenteils verlassenen Minenarbeiterstadt Chiatura im westlichen Georgien. Beinahe wie ein Spielfilm folgt das Werk dem Alltagsleben seiner Charaktere und zeigt damit einen wichtigen Unterschied zwischen dem georgischen Dokumentarfilm von heute und den Filmen aus der Sowjetzeit auf – zeitgenössische Entwicklungen werden aufgegriffen und nicht bewusst ignoriert und werden so zur (politischen) Diskussion gestellt.

In Salome Machaidzes Film When the Earth Seems to Be Light stellen Jugendliche aus Tbilisi ihre Kultur vor. Sie benutzen das Skateboard als ihr Transportmittel und es symbolisiert ihr Lebensgefühl: einfach rollen lassen. Zwischen der Musikszene in Tbilisi und der Kritik an den konservativen Strukturen in der Gesellschaft verfolgt der Dokumentarfilm in Retro-Look das Leben derer, die in einem anderen Georgien groß geworden sind und sich dennoch nicht völlig darin zurechtfinden.

Diese und weitere Filme konnten bereits zahlreiche Preise auf Festivals gewinnen, symbolisieren den Aufstieg der georgischen Filmszene allgemein, denn inzwischen sind auch Spielfilme sehr erfolgreich, und geben einen Einblick in das Leben in einem aufstrebenden europäischen Land im Umbruch. Manche der Filme sind ausschließlich in Georgien und von Georgiern gedreht und finanziert, andere sind in multinationaler Kooperation entstanden und spiegeln wider, wie sehr das Land im Osten Europas einerseits auf sich selbst vertraut und sich andererseits bereitwillig öffnet und die Einflüsse von außen nicht fürchtet, sondern fördert.

Programmübersicht

Die DOK Leipzig findet vom 30. Oktober bis zum 05. November statt.
Diese Filme sind im Sonderprogramm „Länderfokus Georgien“ zu sehen.

2+2=22 [The Albhabet]
– Heinz Emigholz (2017)
Altzaney - Nino Orjonikidze, Vano Arsenishvili (2009)
City of the Sun (“Mzis qalaqi”) – Rati Oneli (2017)
Don´t Breathe (“La Faille”) – Nino Kirtadze (2014)
Exodus (“Gamosvla”) – Vakhtang Jajanidze (2015)
Horizon – Dato Kiknavelidze (2017)
Li.Le – Natia Nikolashvili (2017)
Madonna („Madona“) – Nino Gogua (2014)
Sunny Night (“Sonnige Nacht”) – Soso Dumbladze, Lea Hartlaub (2017)
Sovdagari – Tamta Gabrichidze (2016)
The Dazzling Light of Sunset (“Daisis miziduloba”) – Salomé Jashi (2016)
The Machine Which Makes Everything Disappear (Manqana, romelic kvelafers gaaqrobs) – Tinatin Gurchiani (2012)
When the Earth Seems to Be Light (“Manqana, romelic kvelafers gaaqrobs”) - Salome Machaidze, Tamuna Karumidze, David Meskhi (2015)

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