Gesellschaft / Geschichte
Ostern im christlich-orthodoxen Georgien
Orthodoxe Christen in Georgien und anderen Teilen der Welt feiern an diesem Sonntag Ostern, das wichtigste Fest im Kirchenjahr, in Georgien „Aghdoma“ genannt – Tag der Auferstehung.

Das „Heilige Feuer“ erhellt die „Nacht der Nächte“

Traditionell versammeln sich die Familien in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag in den unbeleuchteten Kirchen. In Tbilisi machen sich Tausende zum Flughafen auf, wo am späten Abend in einem Sonderflugzeug eine Flamme vom „Heiligen Feuer“ ankommt, das sich am Nachmittag in der Grabeskirche in Jerusalem als jährlich gefeiertes Wunder entzündet hat und von dort in die Welt getragen wird. Ausgewählte Priester bringen die Flamme auch nach Georgien, wo sie, von der Empfangshalle des Flughafens aus, von Kerze zu Kerze, in die Kirchen des Landes und in die Häuser der Gläubigen gebracht wird. Das Licht, das die Dunkelheit erhellt, feiert die Auferstehung Christi. Mit dem Aufleuchten der Kerzen und von da an während des gesamten Osterfestes rufen die Menschen sich „Christe Aghsdga!“ - „Christus ist auferstanden!“ - zu und antworten mit „Tscheschmaridad!“ – „Er ist wahrhaftig auferstanden!“.

Nicht selten dauern die Gottesdienste mit Gebeten und Gesängen bis in die frühen Morgenstunden. Zu Hause wieder angekommen wartet ein Festmahl in der Familie.

Ostereier in Georgien haben nur eine Farbe: Rot

Viele Osterbräuche im orthodoxen Georgien sind denen der evangelischen und der römisch-katholischen Glaubenskultur ähnlich. Leuchtende Kerzen, üppig gedeckte Tische nach einer vierzigtägigen Fastenzeit, feiernde Familien, gefärbte Eier.

Und doch sind die Unterschiede bemerkenswert und ein besonderes Erlebnis: Während in westlich-christlichen Kulturen die Ostereier bunt wie das Leben sind, werden Ostereier in Georgien ausschließlich rot gefärbt, wozu traditionell Wurzeln von einem Busch („Färberkrapp“) ausgegraben und, in kleine Stücke geschnitten, mit den Eiern in kochendes Wasser gegeben werden. Die Eier symbolisieren das Leben; die rote Farbe das Blut, das Jesus am Kreuz für die Menschen geopfert hat.

In den Tagen vor Ostern wird ausführlich gebacken und gekocht. In der Mitte des Ostertisches steht traditionell Tzatzivi, Stücke von Geflügelfleisch in Walnusssauce. Unbedingt dazu gehört „Khachapuri“, ein Fladenbrot mit eingebackenem oder aufgelegtem und mitgebackenem Käse. Dazu werden unterschiedliche, sauer eingelegte Gemüsearten gereicht, darunter das berühmte „Djondjoli“, junge Triebe von einem Busch, dessen Vorkommen nur aus Gebieten des Kaukasus bekannt ist, das äußerst vitaminreich ist – und auch hilft, die Folgen des ebenfalls obligatorischen Genusses von reichlich Wein und Tschatscha (georgischer Traubenschnaps) zu lindern.


Der "Pashka" und rotgefärbte Eier sind beide fester Bestandteil der Osterfeierlichkeiten in Georgien.
GeorgianJournal)

Und natürlich der „Pashka“ ein hügelförmiges, süßes Hefebrot mit Rosinen – ein Symbol für Golgatha, den Berg, auf dem Jesus gekreuzigt worden war. Das Rezept für den „richtigen“ Pashka variiert von Familie zu Familie und von Region zu Region – und ist selbstverständlich Gegenstand heftiger Diskussionen an jedem Ostertisch.
Die Kinder erhalten traditionell ein Osternest aus Gras, das traditionell an Palmsonntag gesät und während der Vor-Osterwoche sorgsam gegossen und überwacht wurde – symbolisiert es doch das erwachende Leben, und je üppiger es wächst, desto hoffnungsvoller kann man der nun kommenden Zeit entgegenblicken. Im feinen Gras des Osternestes liegen rote Eier, Süßigkeiten und ein kleines, persönliches Geschenk.

Die Lebenden feiern mit den Verstorbenen

Sehr wichtig und eine von georgisch-orthodoxen Gläubigen sehr ernst genommene Tradition, ist der Besuch der Gräber nahestehender Verstorbener. Dabei geht es deutlich fröhlicher und lebensbejahender zu, als bei Friedhofsbesuchen von Angehörigen der West-Kirchen: Picknickkörbe werden gepackt, Wein in Flaschen gefüllt, Tischtücher mitgenommen. An Ostern verwandeln sich die Friedhöfe in Georgien zu trubeligen Orten der Begegnung. Und jetzt versteht der westliche Besucher auch, weshalb sich auf allen Grabflächen außer dem Grabstein auch kleine, meist ebenfalls steinerne Tischchen und Sitzgelegenheiten befinden: Dieser Tisch wird nun gedeckt, für ein Mahl, das symbolisch gemeinsam mit den Verstorbenen eingenommen wird. Bevor vom Wein getrunken wird, den der Vater als Familienoberhaupt reihum in die Becher gießt, erhalten die Verstorbenen ihren Schluck, in Form eines Kreuzes, das aus jedem Becher auf ihr Grab gegossen wird.

Auch einen Osterkuchen erhalten die Verstorbenen – man lässt ihn auf dem Grab zurück, zusammen mit einer brennenden Kerze und roten Ostereiern, die von den Angehörigen vom Fußende zum Kopfende das Grabes gerollt werden. Nicht selten übrigens fehlen nach wenigen Stunden sowohl die Eier, als auch der Osterkuchen. Manche glauben fest daran, dass die Verstorbenen sich geholt haben, was für sie gedacht war. Andere wiederum meinen zu wissen, dass es die Armen der Gemeinde seien, die ihre Kinder losschicken, um einzusammeln, was sonst nur verderben würde.

Und weil man in einer Familie gewöhnlich nicht nur einen Verstorbenen hat, muss der am Grab gedeckte Tisch nach einer Weile abgedeckt und der Weg zum nächsten Friedhof fortgesetzt werden. Durch Georgien rollt an Ostern eine Autokarawane vom Schwarzen Meer bis zum Kaukasus und umgekehrt. Auch am Ostermontag gehen die Friedhofs- und Verwandtschaftsbesuche weiter. In Georgien wird das „Fest aller Feste“ seinem Namen wahrlich gerecht.
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