Gesellschaft / Geschichte
© OC Media / Mari Nikuradze
Spontane Proteste gegen Homophobie
Mit kleinen spontanen Protestaktionen vor verschiedenen Regierungsgebäuden haben Aktivisten für mehr Toleranz gegenüber der Gemeinschaft der LGBT (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender) in Georgien geworben. Parallel organisierte die georgisch-orthodoxe Kirche einen Umzug, in dessen Mittelpunkt der Wert der „traditionellen“ Familie stand.

Nachdem die Nichtregierungsorganisation The Equality Movement eine für den Internationalen Tag gegen und Homo- und Transphobie (17. Mai) angekündigte Demonstration aus Sorge vor rechten Gegendemonstranten kurzfristig abgesagt hatte, organisierten LGBT-Aktivisten „Guerilla-Proteste“. Vor Ministerien stieg Rauch in den Regenbogenfarben auf. International gilt die Regenbogenfahne als Symbol für Toleranz gegenüber sexueller Orientierung. Zudem wurden Forderungen verlesen. Unter anderem wurde die Regierung aufgefordert, Homo- und Transphobie in der georgischen Gesellschaft offen zu verurteilen.

Etwa 100 Aktivisten und einige Politiker aus Oppositionsparteien demonstrierten zudem vor dem Sitz des Premierministers für mehr Toleranz. Die Polizei hatte dafür alle Zufahrtswege abgeriegelt und war mit einem starken Aufgebot vor Ort, um die Demonstranten zu schützen. Ein Jugendlicher wurde abgeführt, nachdem er einen Aktivisten physisch attackiert hatte. Dennoch zeigten sich mehrere Beobachter erleichtert, dass es zu keinen ernsthaften Zwischenfällen kam.

Wie schon in den Jahren zuvor erhielten die Demonstrationen und Aktionen der Gegner von mehr sexueller Toleranz deutlich mehr Zulauf als die Aktionen der LGBT-Aktivisten. Medienangaben zufolge nahmen aber weniger Menschen teil, als noch in den Jahren zuvor.

Die georgisch-orthodoxe Kirche, die 2014 den 17. Mai in Opposition zum Tag gegen Homo- und Transphobie zum „Tag der reinen Familie“ erklärt hatte, rief Gläubige dazu auf, an Gottesdiensten und einer Prozession durch die Innenstadt von Tbilisi teilzunehmen. Der Stellvertreter des Patriarchen der georgischen Kirche nannte den „Krieg gegen die Institution der Familie“ einen „Krieg gegen Gott“. Anders drückte sich ein Erzbischof im georgischen Fernsehen aus: „Wer homosexuell ist, ist damit nicht automatisch ein Feind der Kirche. Die Kirche kann aber nicht Homosexualität predigen“. Im stark christlich geprägten Georgien gilt die Kirche als wichtiger und oft konservativer Einfluss auf die öffentliche Meinung.

Offen homophobe Bewegungen wie die Neonazigruppe „Nationalsozialistische Bewegung – Nationale georgische Einheit“ und die rechtsradikale Gruppe „Marsch der Georgier“ nutzten den „Tag der reinen Familie“ für Kundgebungen und kleine Demonstrationszüge durch Tbilisi. Mehrere Teilnehmer dieser Demonstrationen wurden verhaftet. Die georgisch-orthodoxe Kirche hatte sich zuvor deutlich von den Gruppierungen distanziert.

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